Image: Florian Wacker
Ich heiße Florian Wacker. Ich bin ein Autor aus Leipzig. Ich schreibe Prosa und Drama.

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Tippgemeinschaft 2012

Zur Buchmesse ist die neue Ausgabe der Tippgemeinschaft erschienen − die Anthologie der Studierenden des Deutschen Literaturinstituts Leipzig. Die Tippgemeinschaft feiert diesmal zehnjähriges Bestehen; dies wird gefeiert mit zahlreichen Lesungen, mit einer beiliegenden CD und Jubiläumsbeiträgen von Juli Zeh, Ulrike Almuth Sandig u.a.

 

Prosa

Der Prinz

Bergman

Kohlbergs Kartographien

Kalifornien

Rolling Home

  • Kurzprosa // erschienen in der Anthologie MDR Literaturwettberwerb 2010
  • » 2. Preis im MDR Literaturwettbewerb 2010
  • » www.rotbuch.de

Der Prinz

Leseprobe

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Karl Klupe hockte auf der metallenen Treppe seines Wohnwagens, saß da, eine Kippe zwischen den Fingern, horchte ins Rauschen der dunklen Bäume und spürte sein Herz schlagen, das gute, das starke Karl Klupe−Herz. Er schloß die Hand zur Faust und betrachtete sie im schwachen Licht. Mittel− und Ringfinger hatte er zusammengetapt, an den Knöcheln war die Haut aufgerissen. Kampf einhundertvierundachtzig. Karl Klupe schlug sich die Faust gegen den Oberschenkel, einhundertvierundachtzig, er lauschte dem Rauschen der dunklen Bäume und von irgendwoher, weit hinter dem Wohnwagen, war es schwach zu hören: ein gleichmäßiges Pochen, wie ein Herzschlag.

In Miami spürte er sein Herz schlagen, in den stickigen Hallen texanischer Wüstenstädte spürte er sein Herz schlagen, das naive Karl Klupe-Herz, das auf den schnellen Erfolg aus war, auf den blitzgescheiten Erfolg; wendig und schnell mußte er sein, obwohl die Rollen festgelegt waren: Er, der blonde Hüne mit dem deutschen Namen, seine Gegner: Cowboys, Totengräber, Clowns. Karl Klupe spürte sein Herz schlagen, während er sich wankend auf dem obersten Seil hielt und zu seiner berüchtigten »Prinzenrolle« ansetzte, einem rückwärts gesprungenen Moonsault; er atmete noch einmal ein und im Geschrei der Publikums hob es ihn federleicht von den Seilen, alles wirbelte um ihn, alles geriet in Bewegung und das Geschrei und sein Herzschlag waren plötzlich ein und dasselbe.

Ich lieb dich Karl, verstehst du, sie sagte Ich lieb dich, sag doch was, sag was. Karl Klupe saß schweigend auf dem Bett und starrte zwischen den Vorhängen hindurch in das gleißende Leuchten einer Wüstensonne. Dumpf pochte es in seinen geschwollenen Händen. Jetzt sag schon was, sie schniefte und taumelte auf ihn zu, breit und besoffen, fiel auf ihn, begann mit ihren Fäusten auf seine Brust zu schlagen, sie sagte Sag halt was, und Karl Klupe packte sie und warf sie zu Boden, wo sie liegenblieb und ihn fassungslos anglotzte. Und während sich Karl Klupe aufs Bett fallen ließ, kroch sie durchs Chaos des Appartementzimmers, und sie schrie Du Loser, fick dich, fick dich, kroch ins Bad und schlitzte sich auf, blieb bleich hocken und sah das Blut aus der Hautspalte strömen, aus dem rechten Unterarm. Karl, sagte sie leise.

Bergman

Leseprobe

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Für mich begannen die Ferien erst dann, wenn wir den schmalen Schotterweg hinunter zu den Häusern rollten, Vater in den ersten Gang zurückschaltete, und ich drüben vor Bergmans Hütte die Fahne im Wind flattern sah. Dann wußte ich, daß auch die Fensterläden aufgeklappt waren und der Alte aller Wahrscheinlichkeit nach gerade sein Boot aus dem Schuppen Richtung Wasser zerrte.
Zwischen Bergmans Hütte und unserer lagen etwa dreihundert Meter. Ich warf meine Reisetasche in eines der Zimmer und rannte die Strecke in atemloser Vorfreude. Der Wald hinter den Hütten war von Birken durchsetzt, sehr hell, morastig und voller Blaubeersträucher und Pilze. Ich stieg die Stufen zur Türe hinauf und klopfte nervös. Seit einem Jahr hatte ich Bergman nicht mehr gesehen, und ich war mir nicht sicher, ob er mich noch erkannte, ob noch alles so sein würde wie im vergangenen Sommer. Die Türe schwang auf und Bergman stand vor mir wie ich ihn in Erinnerung behalten hatte: Leicht nach vorne gebeugt, die Weste zugeknöpft, dunkle Augen unter buschigen Brauen, die wachsam jede Bewegung wahrnahmen. Eine Hand hatte er in der Tasche, in der anderen hielt er eine heruntergerauchte Zigarette. Er sah mich schweigend an. Ich wußte nicht wohin mit meinen Blicken und war kurz davor wegzurennen, als Bergman lächelte und mir seine Hand auf die Schulter legte.
»Hallo Junge“«, sagte er und schob mich in den Flur.
Alles war unverändert, als hätte es das Jahr Unterbrechung nie gegeben: Das fahle Licht in den Räumen; die Bücher, Zeitschriften und Skizzen, die sich in den Regalen stapelten und einer Ordnung unterlagen, die nur Bergman verstand; der harzige Geruch nach Holz und Zigarettenrauch; die leisen Geräusche des Sees.
Bergman schlurfte zurück in die Küche, um sich Kaffee aufzubrühen. Ich ging an den Regalen entlang und blieb vor dem massiven Eichentisch stehen, an dem Bergman noch immer Tag für Tag arbeitete, Entwürfe schrieb, Perspektiven aufzeichnete, Fragen in den Raum warf und in der darauffolgenden Stille auf eine Antwort wartete. Er kam jetzt mit der Tasse an den Tisch, stellte sie ab und kratzte sich am Kinn.

 

Drama

Freie Radikale

  • Die Nacht senkt sich über die Hochhäuser und Wohnsiedlungen, kühl und beruhigend, und im letzten Licht sind die Menschen hinter den Fenstern zu erkennen. Die Unternehmerin MIRABELLE versucht mit allen Mitteln, ihr Familienunternehmen zu retten, doch längst sind andere Kräfte im Spiel, gegen die sie machtlos ist. Sie glaubt im Boxer LUIS einen Menschen gefunden zu haben, den sie retten kann, um dadurch sich zu retten. ROLF, ihr Vermögensverwalter, sieht das Ende kommen und versucht die Kopf noch aus der Schlinge zu ziehen, aber auch er ist der Macht längst erlegen. SVEN, der Lagerist, verliert seine Arbeit und sieht für sich nur einen Ausweg: Rache. Seine Freundin ROSE ist schwanger und muß ebenfalls eine Entscheidung treffen: Was geschieht mit ihr und dem Kind? JOY, HOPE und LUCKY spielen ihr Spiel, ein Kinderspiel, kleine Quälgeister, die die gewohnte Ordnung stören. BRANDT und SEHLIG dagegen versprechen Sicherheit und Wohlstand, sie wollen nur unser Bestes, und wir glauben ihnen.
  • » Dramatischer Text // 10 Rollen, 86 Normseiten
  • » Leseprobe

Wolfserwartungsland

  • Am Rande der Städte. Leerstehende Bauruinen, das alte Schlachthaus im Blutgeruch, Straßen sind nur noch Trampelpfade. Hier betreiben ROMAN und JULIETTE ein kleines Hotel, hier sitzt JOCKEL und trinkt, hier lebt man mit blöden Sätzen und ungelenken Bewegungen. Seit einiger Zeit soll ein Wolf durch die Gegend streifen. Juliette möchte in eine gemütliche Dachgeschoßwohnung, möchte mal wieder einkaufen und ins Kino, während Roman Nacht für Nacht vergeblich dem Tier nachstellt. Der Jäger VIKTOR taucht auf, um den Wolf zu schlachten. Juliette bewundert sein Gewehr, Roman zeigt ihm die Gegend. Eines Abends kommt WOLF ins Hotel, ein Spekulant; er will einige Tage bleiben, bis das Gröbste ausgestanden ist. Der Name kann nur blöder Zufall sein.
    Viktor liegt in den Ruinen auf der Lauer und wird angefallen; Roman denkt mehr als ihm lieb ist; Wolf will Juliette und das Hotel; Juliette sucht ruhelos nach einem Ausweg und ißt Kuchen; Jockel erzählt die Geschichte eines Mannes, der in ein abgelegenes Hotel kam, sich verliebte und zum Mörder wurde. Wer entpuppt sich in diesem Verwirrspiel als der wahre Wolf, wer vertraut wem, wer liebt wen, oder ist alles nur ein beängstigender Fiebertraum?
  • » Dramatischer Text // 6 Rollen, 56 Normseiten
  • » Auszüge erschienen in der Literaturzeitschrift BELLA triste Nr. 31
  • » www.bellatriste.de
  • » Leseprobe

Freie Radikale

Leseprobe

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d /

Rose sagt: Sie ist ein schönes Mädchen. Sie ist schön trotz ihres verhärmten Gesichtsausdruck, als sie auf dem Balkon steht und über die flachen Dächer der anderen Häuser schaut. Wäsche duftet. Vögel hocken auf den Dächern. Sie ist schön trotz ihrer Trainingshose und dem weiten Hemd. Ihr Bauch ist zuversichtlich, voller Lebendigkeit. Ihre blutunterlaufenen Augen leuchten in die Welt hinaus. Sie weiß davon nichts. Sie hört Sven einatmen und ausatmen. Sven sagt: Seine Atemzüge sind schwer, als koste es ihn Mühe, den Zigarettenrauch zu schlucken und wieder auszustoßen. Seine Augen sehen die graue Betoneinfassung des Balkons. Seine Blicke irren entlang der schmalen Risse. Seine Blicke wollen etwas auseinandersprengen. Sie haben beide kaum geschlafen.

ROSE. Siehst du sie?
SVEN. Ich seh nichts.
ROSE. Sie stehen am Spielplatz, am Klettergerüst. Sie schauen zu uns hoch, einer winkt. Es ist schön, sie zu sehen. Sie sind noch so jung, sie erinnern mich immer daran, daß es gut ist, morgens aufzustehen.
SVEN. Ich seh nichts. Gar nichts.
ROSE. Irgendwann wird unser Kind auch da unten stehen und zu uns hochschauen.
SVEN. Unser Kind.
ROSE. Ja, unser Kind.
SVEN. Unser Kind steht nicht da unten und schaut zu uns hoch. Nicht hier. Es steht nicht da unten in dieser Müllhalde, in diesen dreckigen Schuttbergen und schaut zu uns hoch. Es zündet keine Container an. Es schläft nicht in den leerstehenden Barracken. Es kriegt davon nichts mit.
ROSE. Unser Kind.
SVEN. Es wird nichts von den Müllhalden mitkriegen.
ROSE. Er tritt mich wieder.
SVEN. Ihr da! Verpißt euch, weg mich euch! Geht woanders hin, ihr Scheißer! Macht was, brennt die Hochhäuser nieder, schlagt die Fenster der Kaufhäuser zusammen. Macht was mit euren Händen! Macht was. Ihr Rotzlöffel, macht was!
ROSE. Hoör auf damit.
SVEN. Was sagst du?
ROSE. Er tritt mich wieder.
SVEN. Verpißt euch! Weg da, weg da! Macht was!
ROSE. Ich geh rein.
SVEN. Müllhaldenkinder. Ich will kein Müllhaldenkind, ich will keinen Barackensäugling. Ich will nichts in diese Welt setzen. Ich geh schlafen und steh wieder auf. Ich ess die Nahrung aus den Supermärkten und ich schau fernsehen, ich schau zuviel fernsehen, ich ernähr mich als sei ich selbst eine Müllhalde. Ich will kein Müllhaldenkind. Ich will ein Vogelkind. Die Schwarzen auf den Dächern machen mir Mut. Das Vogelkind soll nicht so sein wie ich. Ich bin immer zu langsam gewesen, obwohl ich die hundert Meter unter zwölf Sekunden gelaufen bin. Trotzdem war ich immer zu langsam, ich habs nicht kapiert. Jetzt hab ichs kapiert, aber ich bin am Ziel vorbeigelaufen und laufe seitdem immer weiter die Stadionrunde, immer diesen roten Gummibelag unter den Füßen, diesen harzigen Geruch, die Blicke der anderen, und das Herz schlägt und schlägt und schlägt und vor meinen Augen beginnt sich alles zu drehen. Die Luft bleibt einfach weg.

Wolfserwartungsland

Leseprobe

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ROMAN. Ich bin müde.
JULIETTE. Du siehst müde aus.
ROMAN. Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht, von elf Uhr bis jetzt nicht. Selbst wenn ich gewollt hätte. Hast du schon einmal die alten Eichen knacken gehört?
JULIETTE. Du siehst todmüde aus, mein Lieber − du siehst aus, als ob du die halbe Nacht nicht − ich hab Kaffee gemacht, hier ist ganz frischer Kaffee − setz dich, zieh dir die Klamotten aus − willst du Kaffee, ganz frischen, verbrenn dir nicht die Zunge, mein Lieber.
ROMAN. Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht. Ich lag da, ich hörte die alten Eichen, ich lag unter den Eichen und habe Dinge gedacht, die mir später wie ein Traum vorkamen, und ich habe Dinge gesagt, an ich mich mich nicht mehr erinnern kann. Das passiert mir, wenn ich auf etwas warte. Dann liege ich da und starre meine Hände an und ich frage mich, wie lange ich da schon liege und meine Hände anstarre, es könnten Stunden gewesen sein.
Pause.
JULIETTE. Du siehst müde aus, mein Lieber.
ROMAN. Hast du die alten Eichen da draußen schon einmal gehört? Wie Knochen im Wind.
JULIETTE. Die Tannen? Sie wurden gefällt, ich glaub letztes Jahr wurden sie alle gefällt.
ROMAN. Hast du schon einmal die alten Tannen da draußen gehört? Als würde jemand mit den Gelenken knacken.
JULIETTE. Setz dich, zieh dir die Joppe aus − da ist Kaffee, es gibt auch Kuchen, magst du Kuchen, mein Lieber? Über Nacht aufgetaut, Zupfkuchen, was sag ich, Apfelstreusel, ach ne, Quarkkirsch.
ROMAN. Ich habe während der Nacht viel an dich gedacht. Ich lag und wartete auf den Tag, und ich dachte an dich. Ein schöner Moment. Ich war fest davon überzeugt, nicht aufwachen zu können, also war alles Schöne wirklich, also gibt es dich tatsächlich.
JULIETTE. Was ist mit dem Wolf?
ROMAN. Ein schönes Land ist das, in dem wir leben. Es ist so schön, weil ich nicht aufwache, um es zu entlarven. Hier bin ich groß geworden. Wölfe gibt es doch nur in den Märchen.
JULIETTE. Was ist mit dem Wolf?
ROMAN. Er ist nicht aufgetaucht.
JULIETTE. Hier ist Kaffee, mein Lieber − ich hab geschlafen wie ein Baby − ich weiß ja nicht, was du hast − ich träum lang und farbenfroh – nimm dir Kuchen.

 

Autor

Vita

Florian Wacker, geboren 1980 in Stuttgart, lebt in Leipzig. Ausbildung zum Heilerziehungspfleger und Studium der Heilpädagogik. Tätigkeiten in der Behindertenhilfe, der Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Jugendhilfe und im Schulbereich. Seit 2010 Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

Auszeichnungen

  • Einladung zum Treffen junger Autoren des Schauspiel Chemnitz 2012
  • Werkstattstipendium der Jürgen Ponto-Stiftung 2011
  • 2. Preisträger im MDR-Literaturwettbewerb 2010

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • Länge mal Breite (Auszug). In: Tippgemeinschaft 2012, CVB 2012
  • Länge mal Breite (Auszug). In: federlesen, Jürgen Ponto-Stiftung 2011
  • Der Prinz. In: Konzepte Nr. 31, 2011
  • Bergman. In: Am Erker Nr. 62, 2011
  • Wolfserwartungsland (Auszug). In: BELLA triste Nr. 31, 2011
  • Kohlbergs Kartographien. In: entwürfe Nr. 66, 2011
  • Kalifornien. In: lauter niemand 11, 2011
  • Von Tauben und Krähen. In: Tippgemeinschaft 2011, CVB 2011
  • Rolling Home. In: MDR-Literaturwettbewerb, Rotbuch Verlag 2010
  • Container. In: Dreischneuß 21, 2009
  • Nachtwache. In: Brückenschlag 25, 2009
  • J. In: Macondo 14, 2005
  • Antonia. In: Nehmt mich beim Wort, C.Bertelsmann-Verlag 2003
 

Kontakt

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